18. April 2016
Vincent Tietz
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10 Dinge, um verteiltes Scrum scheitern zu lassen

In unseren Workshops fragen wir gelegentlich, woran verteilte und agile Zusammenarbeit scheitern kann. Wir haben hier für Sie die Top 10 aller Ratschläge zusammengefasst. Sie werden begeistert sein, wie leicht es ist, verteilte Zusammenarbeit zu sabotieren.

verteiltes-scrum@saxonia-systems

This article is also available in English: 10 ways to make distributed Scrum fail

1. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Gesegnet sei die verteilte Zusammenarbeit. Gespräche können auf ein Minimum reduziert werden. Sagen Sie immer nur das Nötigste. Freuen Sie sich darüber, dass Sie in Ruhe arbeiten können. Bleiben Sie Offline. Vertiefen Sie sich in Ihr Lieblingsthema und stellen Sie Ihre Kollegen vor vollendete Tatsachen. Wenn Sie ein Problem haben, suchen Sie selbst eine Lösung. Konflikte lösen sich mit der Zeit ebenfalls von selbst.

2. Kommunizieren Sie ausschließlich per E-Mail.

Heutige Postfächer bieten genug Platz für Anhänge, für Bilder und Dokumente jeglicher Art. Bitte entscheiden Sie sich für eine Nachricht in Twitter-Länge oder für mindestens 1.000 Wörter Fließtext ohne Satzzeichen, Groß- und Kleinschreibung. Schreiben Sie alles in Großbuchstaben, um Ihrem Anliegen Ausdruck zu verleihen. Auch Ausrufezeichen werden heute noch viel zu selten benutzt. Lassen Sie den Betreff weg. Gehen Sie mit der Zeit, verwenden Sie keine Anrede und keine Grußformel, Sie sind doch ein Team.

3. Nutzen Sie niemals die Videokonferenz.

Betonen Sie Ihre Individualität, indem Sie die Kamera nie einschalten. Falls Sie doch einmal in die Verlegenheit kommen, Video zu verwenden, schalten Sie das Mikrofon zeitweise ab und lästern Sie über Ihre Kollegen. Verstecken Sie sich oder tun Sie so, als wäre noch jemand im Raum, der aber nicht zu sehen ist und nie etwas sagt. Genießen Sie Süßigkeiten und andere Leckereien während der Videokonferenz, insbesondere dann, wenn die anderen Kollegen nichts dergleichen haben.

4. Zeigen Sie, dass Sie wichtig sind.

Wenn Sie telefonieren, nutzen Sie die Gelegenheit für Multitasking. Beantworten Sie E-Mails, essen Sie Kekse und trinken Sie kohlensäurehaltiges Wasser. Fallen Sie Ihren Kollegen ins Wort. Tippen Sie demonstrativ in die Tasten. Zeigen Sie, dass Sie ein wichtiges Mitglied im Team sind und am meisten zu tun haben. Stellen Sie das Ziel des Meetings in Frage. Fragen Sie nicht nach, wenn Sie etwas aus akustischen Gründen nicht verstanden haben. Sagen Sie nichts, was Ihre Zustimmung oder Wertschätzung ausdrücken könnte.

5. Sorgen Sie für eine lebendige Umgebung.

Legen Sie das Mikrofon neben Ihren PC-Lüfter. Öffnen Sie immer das Fenster in Richtung einer belebten Straße. Sehr kleine Räume oder Großraumbüros sind für Videokonferenzen besonders gut geeignet. Sorgen Sie für eine niedrige Bandbreite, damit niemand auf die Idee kommt, Videokonferenzen oder Kollaborationstools zu benutzen.

6. Kollaborationstools? Keine gute Idee.

Drucken Sie Dokumente für sich aus und machen Sie Notizen auf dem Papier. Wenn Sie Visualisierungstechniken beherrschen, nutzen Sie ein Whiteboard oder Flipchart, aber weit weg von der Kamera. Versprechen Sie Ihren Kollegen ein Foto zu machen und zu verteilen, aber machen Sie das bitte erst eine Woche nach der Sitzung. Legen Sie Informationen und Daten niemals in einem Wiki ab, denn dann könnten alle Kollegen stets darauf zugreifen und von Ihrem Wissen profitieren.

7. Trennen Sie Ihr Team nach Features und Funktion.

Jeder macht seins. Das reduziert unnötigen Kommunikationsaufwand. Verhindern Sie jeglichen Wissensaustausch. Lassen Sie es Ihre Kollegen spüren, dass Sie der alleinige Experte auf Ihrem Gebiet sind. Antworten Sie Ihren Kollegen erst, wenn Sie eine E-Mail mit dem Vorgesetzten im Cc erreicht.

8. Verhindern Sie, dass Ihr Team eine gemeinsame Identität entwickelt.

Sprechen Sie ausschließlich über die Arbeit und über das, was nicht läuft. Treffen Sie sich nie persönlich, um Zeit und Geld zu sparen. Vereinbaren Sie Termine immer zu einem anderen Zeitpunkt. Kommen Sie grundsätzlich zu spät. Suchen Sie Ihr Headset erst, wenn das Meeting begonnen hat. Deuten Sie an, dass Sie noch andere Projekte haben. Nehmen Sie die Probleme Ihrer Kollegen nicht ernst.

9. Fördern Sie Misstrauen.

Machen Sie Andeutungen und sprechen Sie keine gemeinsame Sprache. Geben Sie Ihren Kollegen die Schuld, wenn etwas nicht rechtzeitig fertig wird. Beziehen Sie Ihre Kollegen niemals in Ihre Entscheidungen ein. Machen Sie deutlich, dass Sie am längeren Hebel sitzen, weil Sie am Standort der Entscheider sitzen, das bessere Gehalt oder die bessere Ausstattung haben.

10. Wenden Sie bloß kein Scrum an.

Scrum in verteilten Teams geht sowieso nicht. Falls es doch sein muss, sparen Sie sich unbedingt den Scrum Master. Versuchen Sie bitte nicht, Ihre Arbeitsweise zu reflektieren, nutzen Sie Best Practices, z. B. diese hier. Eine Retrospektive als Psychostunde brauchen Sie nicht, bei Ihnen läuft es doch. Tägliche Synchronisation wird ebenfalls überbewertet, eine Aufgabe kann schon einmal eine Woche dauern, da braucht man sich nicht täglich abzustimmen. Außerdem würde das Regel Nr. 1 widersprechen.


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Vincent Tietz

Vincent Tietz ist Certified ScrumMaster® und Senior Consultant. Er studierte und promovierte an der TU Dresden und arbeitete anschließend als Entwickler und Architekt in einem verteilten Scrum-Team. Heute unterstützt er agile Teams durch seine Erfahrungen und das ETEO-Konzept, welches er mit seinen Kollegen kontinuierlich weiterentwickelt. Schließlich tritt er regelmäßig als Autor, Trainer und Speaker rund um das Thema Scrum und verteilte Zusammenarbeit auf.

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