5. Oktober 2015
Vincent Tietz
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Ein starkes ICH für ein starkes WIR – Soft-Skills im Scrum-Team

Agile Vorgehen stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Sie wecken das Potential, indem sie Selbstverantwortung und Kreativität fördern und fordern. Scrum-Teams leben vom täglichen Austausch, wobei Kommunikations-, Moderations- und Konfliktlösungskompetenzen unerlässlich sind. Viel bedeutender ist aber die Fähigkeit, den anderen wirklich zu verstehen und sich selbst klar auszudrücken. Dazu gehört, zu sich und den eigenen Werten zu stehen. Wir sehen deshalb die radikale Selbstverantwortung als Grundstein für die erfolgreiche Zusammenarbeit und die Entfaltung von Soft-Skills im Scrum-Team.

Jeder ist gefordert

Die Uhr zeigt 9:30. Langsam erhebe ich mich aus meinem Stuhl und schleppe mich zum Aufgabenboard. Mein Blick schweift über meine gelangweilten Kollegen. „Was ich gestern gemacht habe, weiß ich nicht mehr so genau. Heute, mal sehen. Vielleicht das hier. Mich behindert natürlich nichts.“ Meine Gedanken verlieren sich wieder im nirgendwo. Der Tester testet, der Architekt entwirft und die Entwickler entwickeln. Alles geht seine Gang – wie immer. Alles in Butter?

Das Daily-Scrum bietet jedem Team die hervorragende Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren und bei Bedarf das eigene Vorgehen so anzupassen, dass das Sprint-Ziel erreicht werden kann. Es ist also weder eine Plattform zur Selbstdarstellung, noch ein Statusmeeting für den Product Owner und auch kein Kaffeekränzchen. Jeder muss sich die Frage stellen, durch welche konkreten Beiträge er das Team dem Sprint-Ziel näher gebracht hat und wie er oder sie es weiterhin dorthin unterstützen möchte und was er vom Team braucht um seine Stärken voranzubringen.

Geschftsleute sind zusammen stark

Zu einem starken Team gehören starke Typen: Selbstverantwortung ist der Schlüssel

Die Notwendigkeit der radikalen Selbstverantwortung

Bei genauerer Betrachtung erfordert das Daily-Scrum die tägliche Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln in Hinblick auf die Ziele der Gruppe sowie dessen öffentliche Verpflichtung. Was zunächst bedrohlich nach Aufopferung klingt, ist im Detail betrachtet eher das Gegenteil und bewirkt eine Stärkung der eigenen Persönlichkeit und am Ende des gesamten Teams. Die radikale Selbstverantwortung ist der Schlüssel für Fokus, Mut, Offenheit, Verpflichtung und Respekt – die Kernwerte von Scrum. Das bedeutet:

  • Ich bin freiwillig hier und leiste meinen Beitrag.
  • Ich kenne meine Ziele und Bedürfnisse und sorge dafür.
  • Ich bin in der Lage, meine Grenzen zu kennen, zu achten und zu verteidigen.
  • Ich weiß, was ich kann und was ich noch lernen muss.
  • Ich weiß, wie ich Entscheidungen treffe und gehe notwendigen Konflikten nicht aus dem Weg.
  • Ich nutze meine Fehler, um mich weiterzuentwickeln.
  • Ich traue mir selbst Veränderungen zu und treibe sie voran.
  • Ich weiß, was ich von anderen brauche und was andere von mir erwarten können.

 

Notwendig wird diese Sicht vor allem deshalb, weil in der agilen Welt, niemand mehr die Aufgaben und Arbeitsweise diktiert. Selbstorganisation erfordert die Selbstverantwortung aller Beteiligten sowie das Zugeständnis, dass alle selbstverantwortlich agieren können und dürfen. In einem Scrum-Team spielen die sozialen Fähigkeiten eine noch größere Rolle als in homogenen und klassisch geführten Teams. Interdisziplinarität und Selbstorganisation fordern von jedem Einzelnen ein Höchstmaß an Klarheit, Engagement und Verantwortung. Was nutzen all die Retrospektiven, wenn ich in meiner Komfortzone bleibe und nur darauf warte, was mir der Scrum Master als nächstes Spiel vorschlägt? Was nutzt es mir, meine Bedenken, meinen Frust oder meine Begeisterung zurückzuhalten, ich mich in meiner Rolle als Spezialist über andere erhebe oder die Schuld anderen gebe? Passivität, fehlendes Vertrauen, Fehlerintoleranz und Frust schaden mir selbst und meinem Team am meisten.

Der Weg zur radikalen Selbstverantwortung

Wie kann man Selbstverantwortung fördern? Die gute Nachricht ist, dass Selbstverantwortung bereits durch das Scrum-Rahmenwerk vorausgesetzt wird. Das Team ist verantwortlich für die Planung und Umsetzung durch selbst gewählte Aufgaben und gemeinsamer Abstimmung. Das Daily-Scrum stärkt den Wissensaustausch und die Anerkennung der eigenen Leistung. Leider wird die Verantwortung des Teams manchmal noch untergraben, wenn zum Beispiel Release-Termine vom Management festgelegt oder die Umsetzung von Features durch Architekten außerhalb des Teams vordefiniert werden. Dann braucht es Klarheit und Mut aller Beteiligten, um die Folgen klar zu benennen. Wenn das Team nicht selbstverantwortlich agieren darf, wird es beginnen, nur nach Vorschrift zu arbeiten und damit die Verantwortung abzugeben – eine traurige Verschwendung des möglichen Potentials.

Der Weg zur radikalen Selbstverantwortung führt über die emotionale Intelligenz und den achtsamen Dialog. Die emotionale Intelligenz hilft dabei, die eigenen Gefühle und die Gefühle der anderen gelassener einzuordnen und souveräner zu handeln. Im Training der emotionalen Intelligenz kann der Umgang mit den sonst automatischen Reaktionen verändert werden. Durch Selbstwahrnehmung spüren wir, wie der eigene Körper auf bestimmte Reize reagiert. Fängt das Herz an zu schlagen, beginnen Schweißausbrüche oder nimmt die Atemfrequenz zu? Stellen sich typische Gedanken und Gefühle ein? Selbstregulation und Selbstführung ermöglichen eine für die Situation angemessene Reaktion. Zum Beispiel statt sich zurückzuziehen oder laut zu werden, kann man eine Metaperspektive einnehmen und versuchen, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu erkennen und transparent zu machen. Ebenso können Blockaden identifiziert und in zielorientierte Handlungen überführt werden, zum Beispiel, um automatische Zusagen an Stakeholder zu vermeiden, die häufig aus Angst vor Konflikten und Enttäuschung gemacht werden.

Der achtsame Dialog trennt zwischen Beobachtung und Interpretation und nutzt die eigenen Gefühlsimpulse als auch die Gefühle des Gegenübers, um in einen echten Dialog zu treten. Häufig verbergen sich hinter der reinen sachlichen Botschaft auch Emotionen oder Appelle. Für eine gute Zusammenarbeit ist es lohnenswert, diese zu benennen und im Zweifel anzusprechen, als mit einer automatischen Interpretation aus einer Besprechung zu gehen und blind zu handeln. Auch hier hilft die Selbstwahrnehmung, die für ein „komisches Gefühl in der Magengegend“ sensibilisiert. Auch Empathie für mein Gegenüber kann trainiert werden. Zum Beispiel kann man das Daily-Scrum nutzen, um herauszufinden, was den anderen tatsächlich bewegt oder behindert. Oft fällt es schwer den anderen zu folgen, wenn man selbst über seine Aufgaben nachdenkt. Eine bewusste, achtsame innere Vorbereitung vor dem Meeting mit der Fokussierung auf das Team und die gemeinsamen Ziele hilft dabei, während dem Daily-Scrum wirklich präsent zu sein. Unabhängig davon bleiben selbstverständlich Wertschätzung und Respekt wesentliche Voraussetzungen für einen konstruktiven Dialog.

Verbesserung durch Kontinuität und Vorbild

Die Grundlage für jede gute Zusammenarbeit liegt also in der radikalen Selbstverantwortung eines jeden Einzelnen. Sie erfordert die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten und den anderen etwas besser zuzuhören. Selbstverantwortlich handelnde Persönlichkeiten können ein selbstorganisiertes Team durch ihre Vorbildfunktion maßgeblich bereichern. So gesehen, sind auch die Soft-Skills einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess unterworfen. Selbstverantwortung und achtsame Kommunikation sind von allen gefordert; vom Teammitglied, vom Team, dem Produkt- und dem Organisationsmanagement. Das schafft den Rahmen für eine kommunikative respektvolle und effiziente Zusammenarbeit.

Dieser Artikel erschien erstmalig im Konferenzmagazin „Sybit agile“ Nr. 15 im Zusammenhang mit dem gleichnamigen Workshop auf der Agile Bodensee 2015 und konnte mit freundlicher Genehmigung der Sybit Gmbh ebenfalls hier veröffentlicht werden.

Vincent Tietz

Vincent Tietz ist Certified ScrumMaster® und Senior Consultant. Er studierte und promovierte an der TU Dresden und arbeitete anschließend als Entwickler und Architekt in einem verteilten Scrum-Team. Heute unterstützt er agile Teams durch seine Erfahrungen und das ETEO-Konzept, welches er mit seinen Kollegen kontinuierlich weiterentwickelt. Schließlich tritt er regelmäßig als Autor, Trainer und Speaker rund um das Thema Scrum und verteilte Zusammenarbeit auf.

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