13. Juli 2015
Kay Grebenstein
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Der Agile Testmanager – ein Oxymoron? (Teil 1)

Ein Kollege stellte mir vor einiger Zeit die Frage, ob wir im agilen Entwicklungsprozess wie Scrum noch einen Testmanager benötigen. Meine erste Antwort war nein, da das Agile Manifest und das Scrum Framework nur drei Rollen kennt: Product Owner, Entwicklungsteam und Scrum Master. Im Scrum Team – der Gesamtheit der drei genannten Scrum-Rollen – ist also kein Testmanager vorgesehen. Aber auf den zweiten Blick ergab sich die Frage, wer aus dem Scrum Team übernimmt die Aufgaben des Testmanagers in und um den Sprint herum?

Studien wie der ASQF Branchenreport 2014[1] und Standish Chaos Report 2011[2] zeigen, dass agile Methoden bereits in den Unternehmen ein fester Bestandteil sind. Außerdem zeigt der Standish Chaos Report auf, dass Projekte in denen agile Verfahren zum Einsatz kommen, höhere Erfolgschancen haben als „klassische Projekte“.  Grundlage dieser Entwicklung war das Agile Manifest von Ken Schwaber und Jeff Sutherland. In ihm wurden Grundregeln und Vorgaben definiert, die „bessere Wege auf[zeigen], Software zu entwickeln, indem [die Prozessbeteiligten] es selbst tun und anderen dabei helfen, es zu tun“.

Abbildung 1 Scrum Prozess und Beteiligte

Abbildung 1 Scrum Prozess und Beteiligte

Die wichtigsten Grundsätze aus dem Agilen Manifest sind:

  • Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge.
  • Funktionierende Software ist wichtiger als umfassende Dokumentation.
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als die ursprünglich formulierten Leistungsbeschreibungen.
  • Eingehen auf Veränderungen ist wichtiger als Festhalten an einem Plan.

 

Unternehmen, die ihre Entwicklung auf die agile Arbeitsweise umstellen, haben einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Firmen, die nach klassischen Vorgehen arbeiten. Aber die Umstellung der Prozesse auf Entwicklungsmethoden, wie Scrum – auch agile Transition genannt – stellt eine große Herausforderung dar. Agilität erreicht man nicht mit der Aufteilung der Entwicklungsmeilensteine in Sprints und der Benennung eines Product Owners (siehe Abbildung 1). Es müssen umfangreiche Änderungen der Organisation, hin zu einer agilen Arbeits- und Lebensweise, stattfinden.

Am Beispiel des Testmanagers lässt sich die Herausforderung der agilen Transition sehr schön nachvollziehen. Die Frage lautet: Wenn wir in Scrum keinen Testmanager benötigen, wer übernimmt seine Aufgaben? Der Product Owner? Der Scrum Master? Das Team?

Nach der Scrum Alliance ist der Product Owner die Person, die für die punktgenaue und pünktliche Erstellung des Produktes verantwortlich ist. Der Product Owner füllt und verfeinert das Product Backlog und stellt sicher, dass jeder weiß was darin enthalten und mit welcher Priorität es versehen ist. Damit ist er in der Regel am nächsten an der „Business-Seite“ des Projekts.
Scrum erfordert, dass das Entwicklungsteam eine nach Funktionen gemischte Gruppe ist – die alle notwendigen Fähigkeiten vereint – die für die Entwicklung des Produktes notwendig sind. Das Team organisiert sich selbst: das heißt es wählt selbständig den umzusetzenden Inhalt des Sprints und kümmert sich um die Planung, Steuerung und Umsetzung.
Der Scrum Master ist der „Lotse“ durch die Untiefen des Scrum Frameworks. Er hilft dem Rest des Scrum Teams bei der Einhaltung der Scrum-Regeln. Eine weitere Aufgabe des Scrum Masters ist es, Hindernisse für den Fortschritt des Teams aus den Weg zu räumen.

Auch nach Studium der Rollen von Scrum ist nicht ersichtlich: Wer die Aufgaben des Testmanagers übernimmt? bzw. Wie sie verteilt werden? Um die Fragen zu beantworten, ist es notwendig erst einmal festzustellen, welche Aufgaben ein Testmanager im klassischen Test- und Qualitätssicherungsprozess wahrnimmt. Laut dem International Software Testing Qualifications Board (ISTQB), der Zertifizierungsstelle für Tester, gehen die Aufgaben und Einsatzgebiete des Testmanagers über die Steuerung des Testprojektes hinaus. Er leitet die Testabteilung oder das Testteam und damit die Ressourcen für die Tests. Er erstellt Berichte, eskaliert in Richtung Entwicklung, Fachabteilung und Projektleitung, schätzt Testprojekte, setzt die Einhaltung der Qualitätsprozesse und -verfahren des Unternehmens durch, beschafft die Testing-Tools für die Organisation und überprüft die Testpläne, sowie die Testfälle.

Die Aufgabenebenen lassen sich in zwei Felder aufteilen: strategisch und operativ (siehe Abbildung 2). Die operative Ebene beschäftigt sich mit der Planung und Konzeption der Testfälle und Tests, der Steuerung der Testdurchführung, sowie der Kommunikation innerhalb des Projektes. Die strategische Ebene beinhaltet die Aufgaben des Qualitätsmanagements.

Abbildung 2 Aufgaben des Testmanagers (nach ISTQB)

Abbildung 2 Aufgaben des Testmanagers (nach ISTQB)

Die operativen Aufgaben können nicht vom Scrum Master oder Product Owner übernommen werden. Der Product Owner mischt sich nicht in die Umsetzung ein und der Scrum Master nicht in die Entwicklung. Die Testaufgaben werden in der agilen Entwicklung durch das Team übernommen. Und nach der Definition und Aufteilung der Aufgaben des Testmanagers ist es nun möglich zu untersuchen wie diese in den agilen Prozess eingebracht werden können. Es ergibt sich aber ein Problem: Eine klare Zuordnung zu einer Person ist nicht möglich, da in Scrum alle Aufgaben auf das agile Team verteilt werden.

Die Lösung des Problems liegt im Framework Scrum selbst. Es stellt ein umfangreiches Paket an Werkzeugen und Artefakten bereit. Und diese lassen sich den Aufgaben des Testmanagers gegenüberstellen. Wir haben in unseren Scrum Teams eine vollständige agile Transition[3] der Aufgaben durchgeführt und festgestellt, dass Scrum jeder Aufgabe des Testmanagers ein Werkzeug oder Artefakt gegenüberstellen lässt.

Abbildung 3 Agile Transition des Testmanagers - Testkoordination

Abbildung 3 Agile Transition des Testmanagers – Testkoordination

So erfolgen die Überlegungen zur Teststrategie und die im Vordergrund stehenden Qualitätsmerkmale im Planning des Sprints und Backlog Grooming. Die Pass-Fail-Kriterien, also die Kriterien ob ein Sprint erfolgreich bzw. der Test abgeschlossen ist, werden in der Definition of Done definiert (siehe Abbildung 3).

Abbildung 4 Agile Transition des Testmanagers - Testumsetzung

Abbildung 4 Agile Transition des Testmanagers – Testumsetzung

Im Sprint Review wird die Umsetzung der Anforderungen verifiziert und validiert (siehe Abbildung 4).

Abbildung 5 Agile Transition des Testmanagers - Testkoordination

Abbildung 5 Agile Transition des Testmanagers – Testkoordination

Zusätzlich ermöglichen die Stories bzw. ihre Repräsentation am Scrum Board und in den Backlogs eine Dokumentation des Fortschritts sowie der Qualitätsgradbemessung (siehe Abbildung 3).

Jeder Aufgabe des Testmanagers lässt sich also ein agiles Werkzeug oder Artefakt gegenüberstellen. Damit ist die vollständige agile Transition der Aufgaben eines Testmanagers erreicht. Unter der Voraussetzung, dass das Scrum Team das notwendige Testwissen für die Umsetzung der anstehenden Entwicklungs- und Testaufgaben besitzt, wird für kleine Projekte kein Testmanager benötigt. Steht das Wissen noch nicht zur Verfügung muss das Team ausreichend gecoacht werden.

Im nächsten Teil wird beleuchtet wer die Aufgaben der strategischen Ebene übernehmen kann und was in Projekten mit mehreren Scrum Teams passiert, die gemeinsam an einem Produkt arbeiten.

Kay Grebenstein ist Diplom-Informatiker und arbeitet als Testmanager für die Saxiona Systems AG, Dresden. Er hat in den letzten Jahren in klassischen und agilen Projekten unterschiedlicher fachlicher Domänen (Telekommunikation, Industrie, Versandhandel, Energie, …) Qualität gesichert und Software getestet. Die gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse stellt er auf Konferenzen, in Publikationen und auf vielen anderen Wegen vor.

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